Gibt es den Lolitakomplex?

Lolitakomplex

Es ist erstaunlich, wie weit die Erfindung eines russischen Schriftstellers in unser Erleben und unsere Sprache eingedrungen ist. Der Lolitakomplex ist nämlich keine wissenschaftliche Entdeckung, sondern basiert auf dem 1955 erschienen Roman Lolita von Vladimir Nabokov. In dieser umstrittenen und viel diskutierten Geschichte verfällt der Protagonist der erst 12-jährigen Dolores, die er liebevoll Lolita nennt. Das Buch erhitzte die Gemüter rund um den Erdball und ist bis heute vor allem aufgrund des sehr jungen Alters des Mädchens ein Reizthema. Der Begriff Lolitakomplex wird mittlerweile sogar in der Psychoanalyse verwendet und beschreibt die triebhafte Hingabe und Sehnsucht erwachsener Männer zu kindlichen, jugendlichen Frauen.

Daraus kann man bereits ersehen, dass eine normal Beziehung zu einer – wenn auch erheblich – jüngeren Frau keineswegs etwas mit dem wahren Lolitakomplex zu tun hat. Bei einer Beziehung mit Altersunterschied mag der junge Körper der Partnerin sowie ihr jugendliches Auftreten ausschlaggebend für die Zuneigung sein, jedoch muss das nicht bedeuten dass der Mann grundsätzlich einen Lolitakomplex hat. Umgangssprachlich mag sich dies manifestiert haben, ist jedoch per Definition unwahr.

Klar abzugrenzen gegen die heutige Bedeutung des Lolitakomplex ist auch der Umstand der Pädophilie. Während pädophile Menschen sexuelle Zuneigung und emotionale Hingabe zu Kindern verspüren, ist der Mann mit Lolitakomplex – sofern überhaupt vorhanden – zwar ebenfalls an jungen Körpern und jugendlichem Verhalten interessiert, bevorzugt aber dennoch deutliche Merkmale der Geschlechtsreife an seiner Partnerin. Auch wenn die Protagonistin in Nabokovs Roman erst zwölf Jahre alt ist, spielt sie recht eindeutig mit ihren beginnenden Reizen und setzt sie für sich gewinnbringend ein.

Hierin begründet sich auch die Entstehung des Lolitakomplex. Junge Frauen beginnen mit Einsetzen der Pubertät, die Neuerungen ihres Körpers zu testen und auszuprobieren; dies ist ein normaler und wichtiger Bestandteil des Erwachsenwerdens. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Männer jeden Alters sich durch diese unschuldig anmutende Erotik angesprochen fühlen. Da sehr junge Mädchen ihre Wirkung erst abschätzen lernen müssen, liegt es also in der Verantwortung des erwachsenen Mannes, diese Spielerei als eben solche zu sehen und sich nicht zwangsläufig darauf einzulassen. Besonders ist hierbei das Schutzalter zu beachten, das in Deutschland bei vierzehn Jahren liegt, sofern die sexuelle Beziehung in beiderseitigem Einverständnis erfolgt und kein Abhängigkeitsverhältnis vorliegt (also Lehrer – Schülerin oder Stiefvater – Stieftochter und ähnliche). Beziehungen über diesem Alter mögen moralisch schwierig sein, sind hierzulande aber nicht strafbar.

Eine Behauptung intoleranter Zeitgenossen

Den meisten Beziehungen mit Altersunterschied liegt allerdings kein Lolitakomplex zugrunde. Unkundige Menschen oder intolerante Zeitgenossen behaupten das zwar gern, um ihre eigene Unsicherheit oder teilweise auch Abneigung aus Unwissenheit zu überdecken. Wenn ein reiferer Mann sich jedoch zu einer jüngeren Frau hingezogen fühlt, ist das okay und vollkommen normal. Erst wenn sich heraus stellen sollte, dass die Begierde sich auf Kinder fixiert, wird es zum Problem; der Betroffene sollte dann verantwortungsbewusst handeln und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Hintergrund einer Beziehung mit Altersunterschied ist jedoch keine Störung oder Abweichung von der „Norm“, sondern schlicht eine andere Vorliebe; die überdies weiter verbreitet ist, als man zunächst glauben würde. Und so lange beide Partner einverstanden sind, gibt es sowieso kaum je ein Problem, außer die die von außen gemacht werden, und diese braucht man kaum beachten.

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